Inhalt - Oktober 2013

Der mahnende Zeigefinger

Dr. Thomas Flatt

New York, JFK - müde, etwas ausgetrocknet, der Flug war nicht so lang, aber mir hat es gereicht. Jeder, der in die USA reist, gibt seinen Fingerabdruck freiwillig und dies seit 2004. Werden die Daten gespeichert? Aber sicher doch.

Dass Fingerabdruck-Scanner etwas Praktisches sind, hatte übrigens auch IBM erkannt und die Technologie in ihre Notebooks (als IBM so etwas noch baute) integriert. Auf diesen Notebooks lief mit Windows das meist verbreitete Betriebssystem der Welt, welches es weder Hackern noch Geheimdiensten schwer machte, dort unsere Fingerabdrücke zu stehlen. Und ich müsste mich schwer täuschen, wenn diese Geräte nicht auch mit dem Internet verbunden gewesen wären. Wieso ich dies erwähne - es kommt gleich.

Denn heute schreiben wir das Jahr 2013. Das Jahr, in dem Apple die Innovationen auszugehen scheinen, das Jahr, in dem die Chaos Computer Club Mitglieder nicht mehr chaotisch, sondern völlig uncool sind, und das Jahr, in dem unsere Datenschützer die Verbindung eines Gerätes mit dem Internet als besonderes Risiko einstufen. Ich traue meinen Augen nicht, als ich die Überschriften von Fachzeitungen und Tagespresse lese: «iPhone fingerprint sensor hacked». Jeder fühlte sich berufen, dazu seine Expertenmeinung abzugeben.

Dabei war diese Schlagzeile etwa so überraschend wie die Meldung: «In Einfamilienhäuser kann man einbrechen». Ich kann damit leben, dass der Blick oder die NZZ so was schreiben. Auch unsere Datenschützer aus Bern vertrauen dem iPhone nicht. Die Begründung ist aber schon sehr speziell: «iPhones sind mit dem Internet verbunden. Es besteht deshalb die Gefahr, dass die Fingerabdrücke in fremde Hände geraten, auch wenn sie lokal gespeichert sind.» Das ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal des iPhones: Es ist mit dem Internet verbunden. Ich erspare mir hier weitere Analysen.

Leid tut mir einzig Apple. Da erfinden beziehungsweise nehmen sie eine Technologie oder Idee und machen daraus etwas Geniales. Mit viel Liebe zum Detail, perfektem Design und einer gehörigen Portion Emotionalität. Und wir verstehen nicht einmal, was Apple hier macht.

Apple hat keine neue Hochsicherheitslösung erfunden, die den Datenschutz revolutionieren soll. Nein, Apple will uns einfach das Leben etwas leichter machen. Anstatt ständig ein Passwort eingeben zu müssen, dürfen wir nun einfach unseren Zeigefinger auf den Sensor halten. Apple macht unser Leben nicht sicherer - aber so viel bequemer.

Und alle diejenigen, die ihren Zeigefinger sonst nur zum Mahnen verwenden, könnten sich ja das neue Telefon kaufen.

Dr. Thomas Flatt ist Präsident swissICT


(Erschien 06.10.2013. "Seitenblick" ist eine monatliche Kolumne von swissICT-Exponent/innen. Sie wird veröffentlicht auch im swissICT-Magazine)