Inhalt - November 2013

Das Quentchen Wahrheit

Dr. Thomas Flatt

Eigentlich sollte man ja keine alten Witze erzählen. Das Wehklagen der letzten Wochen über teure und fehlerhafte Softwareprojekte lässt es mich trotzdem wagen – denn in jedem Witz steckt meist ein wertvolles Quentchen Wahrheit.

Bill Gates hat an der Comdex die Computerindustrie mit der Automobilindustrie verglichen und folgerte, «hätte General Motors mit der technologischen Entwicklung Schritt gehalten, so wie es die Computerindustrie tat, dann würden wir heute mit 25-Dollar-Autos fahren, die 3 Liter auf 1000 Kilometer verbrauchen». General Motors hat dies nicht auf sich sitzen lassen und mit einem 13-Punkte-Pressecommuniqué geantwortet. Meine drei Favoriten daraus:

Wenn GM Technologie entwickelt hätte wie Microsoft, so hätten wir heute Autos mit den folgenden Eigenschaften:

  1. Ihr Auto verweigert zweimal täglich völlig grundlos den Dienst.
  2. Apple würde ein Solarmobil bauen, das zuverlässiger, einfacher zu fahren und fünf Mal schneller ist. Leider könnte man es nur auf fünf Prozent der Strassen benutzen
  3. Man würde auf den Start-Knopf drücken, um das Auto auszuschalten.

So witzig die Geschichte anmuten mag, so sehr hat sich doch einen wahren Kern. Die Technologie hat eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Seit meinem ersten Apple II hat sich fast jeder Parameter, den wir zur Spezifikation der Geräte verwenden, um einen Faktor 1'000 000 verändert.

Jedoch hat die Softwareentwicklung nicht Schritt gehalten. Das Beherrschen dieser neuen Technologie ist unglaublich komplex. Leider kann man nicht wie beim Bau eines neuen Hochhauses zuschauen, wie eine neue Software wächst. Könnten wir den Software-Wolkenkratzer in Entstehung sehen, so wären wir etwas weniger überrascht, was dieser kostet. Die Ingenieure, Projektleiter, Generalunternehmer und Auftraggeber, welche diese Herausforderungen annehmen, arbeiten mit Technologien, die es vor zehn Jahren zum Teil noch nicht gab.

Mit fast jeder Software-Entwicklung betreten wir Neuland und schaffen Innovationen. Wir verschätzen uns aber auch von Zeit zu Zeit bezüglich Kosten und Zeitaufwand. Wenn dies in öffentlichen Organisationen geschieht, erfahren wir es dank Finanzkontrolle. Deswegen ist IT weder schlecht noch zu teuer. Sie ist schlicht anspruchsvoll und lässt uns von Dingen träumen, die nicht immer einfach realisierbar sind. So gilt: «Das Unmögliche dauert etwas länger, aber wir arbeiten daran.»

Dr. Thomas Flatt ist Präsident swissICT


(Erschien 09.11.2013. "Seitenblick" ist eine monatliche Kolumne von swissICT-Exponent/innen. Sie wird veröffentlicht auch im swissICT-Magazine)