Inhalt - Seitenblick Nov 14

Kolumne "Seitenblick"

Liberalisierung, Regulation und freie Marktwirtschaft

Es tut mir in der Seele weh, dass ich einen Text schreiben muss, den ich nicht schreiben möchte. Dies aus drei Gründen. Erstens ärgere ich mich über meine eigene Einfalt, zweitens dachte ich, das Thema sei erledigt und drittens schäme ich mich, Teil einer Branche zu sein, die Ihre Kunden bei Gelegenheit schamlos abzockt.

Doch von Anfang an. Gestern bin ich im Taxi vom Flughafen nach Hause gefahren. Abgemacht haben wir, nachdem ich Wohnort und Strasse genannt habe, eine Pauschale von 50 Franken. Fast zu Hause angekommen nannte ich dem Fahrer die Hausnummer worauf dieser die restlichen 300 Meter in Angriff nahm. Nicht schlecht gestaunt habe ich, als er nach etwa 100 Metern anhielt und mich fragte, ob er weiterfahren solle. Wieso denn, antwortete ich erstaunt, ja sicher. Er erklärte, wir hätten eine Pauschale vereinbart, diese gelte aber nur bis zum Beginn der Strasse, weitere Meter müsse er individuell verrechnen. Ohne Nachdenken, sagte ich ja, fahren sie weiter. Zu Hause angekommen wurde mir dann die Rechnung präsentiert: CHF 50.- pauschal plus 200 Meter à CHF 1.50 gibt CHF 350.-.

Wäre diese Geschichte wahr, so stünde ich jetzt vermutlich wegen vorsätzlicher Körperverletzung vor Gericht - oder viel wahrscheinlicher - läge im Krankenhaus, da ich die Kräfte des Fahrers unterschätzt hätte.

Die Taxi-Geschichte glauben Sie mir nicht, denn Sie denken, es sei nicht möglich, dass die gleiche Dienstleistung plötzlich 100 Mal teurer sein kann. Dies mag fürs Transportgewerbe stimmen, nicht aber für die Telekommunikation.

Nach den letzten Ferien bin ich tatsächlich mit dem Taxi zum Pauschalpreis nach Hause gefahren. In diesen Ferien hat meine Frau für 50 Franken ein Datenpaket über 500 MB gekauft. Eines Tages, um 9 Uhr 16, haben wir gleichzeitig fünf SMS von ihrem Telekomanbieter erhalten. Das erste informierte, sie habe ihr Datenpaket aufgebraucht und in den folgenden vier wurde ihr mitgeteilt, dass weitere Kosten von CHF 300.- aufgelaufen seien. Ungläubig habe ich sofort Dataroaming deaktiviert und zu Hause den detaillierten Kontoauszug angeschaut. Tatsächlich werden dort fünf Verbindungen über insgesamt 20MB Datenübertragung aufgeführt. Dies für CHF 15.- pro MB. Also 100 Mal teurer als im Paket.

Unsere Telcos kämpfen für freie Marktwirtschaft und gegen Regulation. Sie argumentieren mit viel höheren Produktionskosten und der Servicequalität in der Schweiz. Beim Dataroaming stechen die Argumente nicht. Die Preise der Datenpakete zeigen, wie hoch die Produktionskosten maximal sein können. Ein Verkaufspreis der 100 Mal höher liegt ist schlicht Abzocke und gehört reguliert. So wie im europäischen Ausland.

Umfrage: Wollen Sie wissen wie die Geschichte weiterging bezgl. Helpdesk, Kulanz, Preistransparenz des Anbieters? Die Umfrage ist abgeschlossen, sie ergab ein deutliches Ja auf die gestellte Frage.

Thomas Flatt ist Präsident swissICT, Verwaltungsrat und Berater

(November 2014, veröffentlicht auch im swissICT-Magazine)