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Teilzeitarbeit in der ICT – warum nicht?

Foto: Krzyzanowskim (via Flickr)

Die Rollenverteilung in der modernen Gesellschaft ist immer noch dieselbe wie die letzten Jahrhunderte auch: Auch in der ICT ist Teilzeitarbeit von Frauen akzeptiert, Männer werden meist schräg angeschaut. Wie und warum soll das geändert werden?

Die ICT-Branche wäre prädestiniert für Teilzeitarbeit, da Aufträge meist in Projekten und Etappen bearbeitet werden. Die ICT hat Kunden, welche auf einen bestimmten Termin hin eine Lösung bestellt haben und diese Lösung kann terminiert werden. Gemäss Bundesamt für Statistik arbeiten nur knapp 14% der Männer Teilzeit und 59 % der Frauen.

Flexible Arbeitszeitmodelle, dazu gehört die Teilzeitarbeit, wären jedoch ein Erfolgsfaktor für die ICT-Branche. Dies aus mehreren Gründen:

  • Frauen können für die ICT gewonnen werden
  • Teilzeit kombiniert mit Home Office in der Applikationsentwicklung ist möglich
  • Die „Generation Y“ (ab Jahrgang 1977) wird angesprochen (sie möchte alle ihre Interessen nebeneinander leben können)
  • Die Gesellschaft braucht Modelle, bei denen für jeden die „Life-Balance“ stimmt
  • Teilzeitarbeitende sind motivierter und bringen einen anderen Output
  • Die Eigenverantwortung und das Vertrauen in die Mitarbeitenden wird gestärkt
  • Die Freiheit in der Arbeitsgestaltung kann gefördert werden.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Gemäss einer Studie des Dachverbands der Familienorganisationen ProFamilia wünschen zwar viele Männer eine Teilzeitarbeit, doch klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf steht bei den Lebenszielen der meisten Männer ganz weit oben. Doch etwas hält die Männer (auch in der ICT) davon ab, diesen Wunsch umzusetzen. Was ist es?

Einerseits ist es das traditionelle Rollenbild vom Mann als Ernährer der Familie und andererseits definieren sich die meisten über die Leistungsfähigkeit und Karriere. Zudem hängt die Akzeptanz vom betrieblichen Umfeld ab. Der Teilzeitmann entspreche auch nicht dem kulturellen Leitmotiv, sagt Markus Theunert, Präsident des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

Hinzu kommen ökonomische Gründe, steht doch Teilzeitarbeit konträr zu den globalen Entwicklungen im Arbeitsmarkt. Die Spezialisierung schreitet voran, was die Mitarbeitenden in hohem Masse in ihre Arbeit einbindet. Und Entlöhnung ist ein Faktor – nicht jeder kann sich ein tieferes Salär leisten.

Mutige Männer und Unternehmer gesucht

Es müsste ein Umdenken auf verschiedenen Ebenen stattfinden, die Gesellschaft müsste Rollenbilder von Mann und Frau anpassen. Dazu braucht es mutige Männer und Unternehmen, welche die Teilzeitarbeit fördern und aktiv unterstützen.

Es darf auch behauptet werden, dass es mit einem Teilzeitpensum nur schwer möglich ist, in leitende Positionen zu gelangen. Der Arbeitsplatz ist zudem weniger sicher und bei den Sozialwerken (AHV, Pensionskasse, UVG) entstehen auch Nachteile. Bei diesen Herausforderungen kommt der Staat mit ins Spiel.

Auf einem Schweizer Stellenportal sind aktuell rund 1‘900 ICT-Jobs ausgeschrieben. Davon nur 266 als Teilzeitstellen bis 80 % und gerade 37 ausgeschriebene Jobs bieten 60%-Pensen.

Wer kann 60% arbeiten?

Kann ein Webdesigner, ein Java-Programmierer, ein System Engineer, Tester oder Senior Risk Controller mit 60 bis 80 % kein definiertes Arbeitsgebiet und kein Projekt bearbeiten? Wieso muss es zwingend 100 % sein? Die ICT-Branche gewinnt doch nur, wenn Teilzeitarbeit gefördert wird. Zusätzlich gewinnt sie Frauen, welche im Moment meist die klassische Rolle in einer Partnerschaft innehaben.

Es braucht von allen Beteiligten (Firmen, Mitarbeitenden, Familie, Staat) eine positive Einstellung zur Teilzeitarbeit und es braucht Einzelakteure – wie Vorgesetzte –, welche die Teilzeitarbeit aktiv fördern.

Autorin: Barbara Jasch, Geschäftsführerin Zürcher Lehrbetriebsverband ICT (ZLI)


Der Artikel erschien erstmals in swissICT Magazine 1/2015 (9.2.2015)

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